YLAB- geisteswisschenschaftliches Schülerlabor der Universität Göttingen

„In der Paulskirche“ – Ein Planspiel zur Demokratiegeschichte

YLAB – Geisteswissenschaftliches Schülerlabor, Jan Meiser

Unser Planspiel „In der Paulskirche“ ermöglicht einen lebendigen Zugang zur Frankfurter Nationalversammlung als einem der bedeutendsten Ereignisse der deutschen Demokratiegeschichte. Die Schüler*innen schlüpfen in die Rollen von Parlamentariern und haben zur Aufgabe, eine Verfassung für ein vereinigtes Deutschland zu entwickeln. Dabei müssen sie versuchen, möglichst viele Forderungen ihrer eigenen Fraktion durchzusetzen und sich gleichzeitig mit den anderen Fraktionen über ein Verfassungswerk zu verständigen.

Das Spiel wurde für Klassenverbände der Sekundarstufe II entwickelt und dauert ca. sieben Zeitstunden (inklusive Pausen). Zur Durchführung stehen die Räumlichkeiten der Stiftung Adam von Trott (Imshausen) sowie des YLAB (Göttingen) zur Verfügung. Wenn Sie als Lehrkraft Interesse haben, das Planspiel mit Ihrer Klasse zu spielen, sprechen Sie uns gerne direkt an. Im Rahmen des Kooperationsprojekts zwischen der Universität Göttingen und der Stiftung Adam von Trott können wir derzeit alle im Rahmen des Planspiels anfallende Kosten Ihrer Gruppe (Kursgebühr, An- und Abreise, Verpflegungskosten) übernehmen.

Inhalt:

Warum heute noch mit der Frankfurter Nationalversammlung beschäftigen? Was lernen wir davon?


Viele der in der Paulskirche diskutierten Themen, wie zum Beispiel die Frage nach der sozialen Verantwortung des Staats, sind noch heute von großer Aktualität. Von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossene Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit spielen auch in unserer gegenwärtigen Gesellschaft eine zentrale Rolle. Gerade soziale Bewegungen wie Fridays for Future nutzen das Grundrecht der Versammlungsfreiheit, um ihren politischen Forderungen Ausdruck zu verleihen. Und auch das von der Paulskirchenverfassung erstmals festgeschriebene Grundrecht der Vereinigungsfreiheit bildet einen wichtigen Pfeiler unserer modernen politischen Kultur. Insbesondere für die Arbeit von NGOs ist es die entscheidende Voraussetzung.
Mit Hilfe des Planspiels lernen Jugendliche die zentralen politischen Strömungen der 1848er Revolution kennen wie beispielsweise den konservativen und linken Liberalismus sowie die demokratische Bewegung. Sie befassen sich mit den unterschiedlichen Herausforderungen, mit denen sich die Frankfurter Nationalversammlung als erstes gesamtdeutsches Parlament bei ihrem Versuch der Schaffung eines freiheitlichen deutschen Nationalstaats konfrontiert sah. Ihnen wird bewusst, dass in der Paulskirche oftmals zäh um politische Kompromisse gerungen wurde und letztendlich keine der Fraktionen ihr Verfassungsprogramm vollständig durchsetzen konnte. Auf diese Weise erkennen sie, dass Verfassungen häufig eine Synthese unterschiedlicher politischer Denkrichtungen darstellen. Sie machen die Erfahrung, dass der sachorientierte Streit ein Kernbestandteil demokratischer Entscheidungsprozesse ist. Des Weiteren verschafft das Planspiel einen Einblick in die historische Entwicklung von Grundrechten, über deren Umfang und Auslegung noch heute intensiv diskutiert und gestritten wird. In diesem Zusammenhang wird spielerisch vermittelt, dass die Parlamentarier der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 bereits über viele Grundrechte debattierten, die heute in der Verfassungsordnung der Bundesrepublik Deutschland verankert sind. Das Planspiel will dazu anregen, sich über die historischen Wurzeln der Demokratie in Deutschland Gedanken zu machen, als auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Leben in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung keine Selbstverständlichkeit ist.

Spielablauf
Das Planspiel wird von einem Spielleiter des YLAB oder der Stiftung Adam von Trott angeleitet. Am Anfang erhalten die Spieler ein Profil eines Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung. Dieses enthält politische Forderungen zu den Themenbereichen Staats- und Regierungsform, Grundrechte und Wahlrecht und den zukünftigen Grenzen Deutschlands. Die Jugendlichen sind zunächst dazu aufgefordert, ihren Abgeordneten einer der historischen Parlamentsfraktionen zuzuordnen. Nach diesem Schritt wird in Fraktions- und Ausschusssitzungen an Hand der oben genannten Themenbereiche über die zu beschließenden Verfassungsinhalte verhandelt. Mit Hilfe von Sympathietalern, die an andere Fraktionen vergeben werden, ist es möglich, Allianzen zu schmieden. Zwei Personen übernehmen die Rolle des Parlamentspräsidenten und seines Stellvertreters. Ihre Aufgabe ist es, Kompromisslösungen zwischen den beteiligten Fraktionen auszuloten. Zudem sind sie für die Leitung der Abschlussdebatte verantwortlich. In der großen Abschlussdebatte debattieren die Fraktionen noch einmal über die Verfassungsinhalte und stimmen einzeln über die Themenbereiche ab, wobei das Prinzip der einfachen Mehrheit gilt.

Inhaltliche Vorbereitung:
Für eine optimale Umsetzung des Planspiels ist es hilfreich, wenn im Schulunterricht bereits die Themen „Vormärz“ und „Revolution von 1848/1849“ angeschnitten wurden. In diesem Fall gelongt es schneller, sich in den historischen Kontext und in ihre Rolle als Parlamentarier der Nationalversammlung hineinzuversetzen. Für Neueinsteiger bietet es sich an, einen einleitenden inhaltlichen Überblick vorzubereiten. Dies könnte beispielsweise ein Zeitstrahl zu den zentralen Ereignissen der Revolutionen sein, der als Orientierung dient. Einen guten Einstieg in das Thema bietet ebenfalls der Film „Robert Blum und die Revolution“ aus der ZDF-Reihe „Die Deutschen“ aus dem Jahr 2008.